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Vokabeln lernen: Was gegen das Vergessen wirklich hilft

Was die Vergessenskurve wirklich zeigt, warum Abfragen mehr bringt als Wiederlesen und wie groß die Abstände beim Wiederholen sein sollten – mit Studien.

Limny-Redaktion · So arbeiten wir5 Min. Lesezeit7 QuellenThis article in English
Drei flache Karten aus mattem Ton in Indigo, Türkis und Orange, daneben eine Sanduhr aus Holz
KI-generierte Illustration
Inhalt
  1. Was zeigt die Vergessenskurve wirklich?
  2. Warum Abfragen mehr bringt als Wiederlesen
  3. Warum Abstände helfen
  4. Wachsende oder gleiche Abstände?
  5. Reicht es nicht, viel zu lesen und zu hören?

Was zeigt die Vergessenskurve wirklich?

Die berühmte Kurve stammt von Hermann Ebbinghaus, der um 1880 an sich selbst Reihen sinnloser Silben lernte. Nach einer Pause lernte er dieselbe Reihe noch einmal und maß, wie viel Zeit er dabei sparte. Diese „Ersparnis“ ist die Zahl in der Kurve.⁠[3]

2015 haben Forschende der Universität Amsterdam das Experiment wiederholt: eine Person, 70 Stunden Lernen, dieselben Abstände wie bei Ebbinghaus.⁠[3] Das Ergebnis ähnelt dem Original:

Pause bis zum WiederlernenErsparnis bei EbbinghausErsparnis in der Wiederholung 2015
20 Minuten58 %47 %
1 Stunde44 %37 %
9 Stunden36 %28 %
1 Tag34 %32 %
2 Tage28 %23 %
6 Tage25 %17 %
31 Tage21 %4 %

Zwei Dinge fallen auf. Erstens: Die Kurve fällt am Anfang steil und wird dann flacher – das meiste geht in den ersten Stunden verloren. Zweitens: Nach einem Tag war die Ersparnis in der Wiederholung sogar etwas größer als nach neun Stunden; manche Forschende erklären solche Sprünge mit dem Schlaf dazwischen.⁠[3]

Was die Kurve nicht zeigt: dass man nach einem Tag „70 % vergessen“ hat. Gemessen wurde die Zeitersparnis beim Wiederlernen sinnloser Silben, nicht, wie viele echte Wörter man noch weiß.

Warum Abfragen mehr bringt als Wiederlesen

Das bekannteste Experiment dazu stammt aus der Zeitschrift Science. Studierende lernten 40 Wortpaare Swahili–Englisch, etwa mashua – boat. Bis alle Wörter einmal saßen, lernten alle Gruppen gleich schnell. Danach unterschieden sie sich: Manche wurden weiter abgefragt, andere bekamen gelernte Wörter nur noch zum Durchlesen oder legten sie ganz weg.⁠[1]

Eine Woche später lag der Unterschied klar auf dem Tisch. Wer weiter abgefragt worden war, wusste etwa 80 % der Wörter. Wer nach dem ersten Treffer nicht mehr abgefragt wurde, kam auf 36 % beziehungsweise 33 % – auch die Gruppe, die alle Wörter in jeder Runde weiter durchlas. Zusätzliches Lesen brachte praktisch nichts, zusätzliches Abrufen sehr viel.⁠[1]

Bemerkenswert: Die Studierenden selbst ahnten davon nichts. In allen vier Gruppen sagten sie voraus, nach einer Woche etwa die Hälfte der Wörter zu wissen.⁠[1] Das passt zu einer großen Übersichtsarbeit über Lerntechniken: Sich selbst abfragen und verteiltes Üben bekamen dort die beste Bewertung, Wiederlesen und Markieren die schlechteste.⁠[4]

Warum Abstände helfen

Dass verteiltes Lernen besser wirkt als Pauken, gehört zu den am besten belegten Befunden der Lernforschung. Eine Meta-Analyse wertete schon 2006 839 Vergleiche aus 317 Experimenten aus.⁠[5] Für das Fremdsprachenlernen fasst eine Meta-Analyse von 2022 48 Experimente mit 3.411 Teilnehmenden zusammen: Verteiltes Üben hatte einen mittleren bis großen Effekt.⁠[2]

Wie groß sollten die Abstände sein? Das hängt davon ab, wie lange du etwas behalten willst. In einem Experiment mit über 1.350 Personen wurde die beste Pause bis zur Wiederholung umso länger, je später getestet wurde. Für einen Test nach einer Woche lag sie bei etwa 20 bis 40 % dieser Woche, für einen Test nach einem Jahr bei etwa 5 bis 10 % des Jahres – also bei einigen Wochen.⁠[6] Gelernt wurden dort allerdings Fakten, keine Vokabeln.

Auch die Fremdsprachen-Meta-Analyse zeigt: Kurze Abstände wirken im Test direkt danach so gut wie lange, im späteren Test aber schlechter.⁠[2] Kurze Abstände reichen also für den Test morgen – für Wörter, die du in Wochen noch brauchst, sind längere besser.

Wachsende oder gleiche Abstände?

Viele Apps und das Karteikastensystem nach Leitner lassen die Abstände wachsen: erst nach einem Tag, dann nach drei, dann nach einer Woche. Das spart Wiederholungen. In der Forschung zum Fremdsprachenlernen waren wachsende und gleichbleibende Abstände aber statistisch gleichwertig.⁠[2]

Für dich heißt das: Der genaue Algorithmus ist weniger wichtig, als oft behauptet wird. Entscheidend ist, dass du dich überhaupt abfragst – und zwar über Tage und Wochen verteilt, nicht alles an einem Abend.

Reicht es nicht, viel zu lesen und zu hören?

Lesen und Hören bringen neue Wörter, aber langsam. In Studien zum beiläufigen Lernen behielten Lernende im Test direkt danach im Schnitt nur 9 bis 18 % der neuen Wörter, die ihnen beim Lesen, Hören oder Schauen begegnet waren; beim Lesen waren es 17 %, beim Hören 15 %.⁠[7] Die beiden Wege ergänzen sich: Geschichten und Gespräche zeigen dir Wörter im Zusammenhang, gezieltes Abfragen sorgt dafür, dass sie bleiben.

Quellen

Die Zahlen in eckigen Klammern im Text verweisen auf diese Liste.

  1. Karpicke JD, Roediger HL (2008). The critical importance of retrieval for learning. Science 319(5865): 966–968Laborexperiment mit US-Studierenden, 40 Wortpaare Swahili–Englisch, Abschlusstest nach einer Woche; vier Lernbedingungen. Volltext gelesen (die Teilnehmerzahl steht im Online-Anhang).
  2. Kim SK, Webb S (2022). The Effects of Spaced Practice on Second Language Learning: A Meta-Analysis. Language Learning 72(1): 269–319Meta-Analyse zum Fremdsprachenlernen: 98 Effektgrößen aus 48 Experimenten, 3.411 Teilnehmende. Gelesen: Zusammenfassung.
  3. Murre JMJ, Dros J (2015). Replication and Analysis of Ebbinghaus’ Forgetting Curve. PLOS ONE 10(7): e0120644Wiederholung von Ebbinghaus’ Experiment (1880/1885) mit einer Person, 70 Stunden, sinnlose Silben; Tabelle 3 vergleicht die Ersparnis mit Ebbinghaus’ Originaldaten. Volltext gelesen.
  4. Dunlosky J, Rawson KA, Marsh EJ, Nathan MJ, Willingham DT (2013). Improving Students’ Learning With Effective Learning Techniques: Promising Directions From Cognitive and Educational Psychology. Psychological Science in the Public Interest 14(1): 4–58Übersichtsarbeit: zehn Lerntechniken nach der Forschungslage bewertet. Gelesen: Zusammenfassung.
  5. Cepeda NJ, Pashler H, Vul E, Wixted JT, Rohrer D (2006). Distributed practice in verbal recall tasks: A review and quantitative synthesis. Psychological Bulletin 132(3): 354–380Meta-Analyse: 839 Vergleiche aus 317 Experimenten in 184 Artikeln, verbales Lernmaterial. Gelesen: Zusammenfassung.
  6. Cepeda NJ, Vul E, Rohrer D, Wixted JT, Pashler H (2008). Spacing effects in learning: a temporal ridgeline of optimal retention. Psychological Science 19(11): 1095–1102Experiment mit über 1.350 Personen, Wiederholung nach bis zu 3,5 Monaten, Abschlusstest nach bis zu einem Jahr; gelernt wurden Fakten, keine Vokabeln. Gelesen: Zusammenfassung.
  7. Webb S, Uchihara T, Yanagisawa A (2023). How effective is second language incidental vocabulary learning? A meta-analysis. Language Teaching 56(2): 161–180Meta-Analyse: 24 Studien, 2.771 Teilnehmende; beiläufiges Wortlernen durch Lesen, Hören und Videos. Gelesen: Zusammenfassung.

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