Die schwerste Sprache der Welt? Was die Lernzeiten wirklich zeigen
Arabisch, Japanisch, Chinesisch? Woher die bekannte Liste der schweren Sprachen stammt, was sie misst – und warum es vor allem auf deine Muttersprache ankommt.

Inhalt
Woher kommt die Liste der „schweren“ Sprachen?
Wer nach der schwersten Sprache sucht, landet fast immer bei derselben Quelle: dem Foreign Service Institute (FSI), der Sprachschule des US-Außenministeriums. Es teilt Sprachen nach seiner Erfahrung in vier Kategorien ein. Gemessen wird, wie viele Wochen Unterricht Lernende dort üblicherweise brauchen, bis sie im Sprechen und Hören den Wert 3 auf der Skala der US-Behörden (ILR) erreichen.[1] Dieser Wert heißt „allgemeine berufliche Sprachkompetenz“: Man kann an den meisten formellen und informellen Gesprächen über praktische, soziale und berufliche Themen wirksam teilnehmen.[5] Eine typische FSI-Woche hat 23 Stunden Unterricht und 17 Stunden Selbststudium.[1]
| Kategorie | Wochen | Beispiele (Auswahl der FSI-Liste) |
|---|---|---|
| I – „nah am Englischen“ | 24–30 | Niederländisch, Italienisch, Portugiesisch (je 24), Spanisch, Französisch (je 30) |
| II | ca. 36 | Deutsch, Indonesisch, Malaiisch, Swahili |
| III – „schwere Sprachen“ | ca. 44 | Russisch, Polnisch, Türkisch, Persisch, Hindi, Urdu, Griechisch, Vietnamesisch |
| IV – „besonders schwere Sprachen“ | 88 | Arabisch, Chinesisch (Mandarin und Kantonesisch), Japanisch, Koreanisch |
Die Liste ist ehrlich gemeint, aber sie hat einen Haken, der oft unterschlagen wird: Sie beschreibt, wie schwer eine Sprache für Menschen mit Englisch als Muttersprache ist. Die Kategorie I heißt beim FSI ausdrücklich „Sprachen, die dem Englischen nahe sind“, und die Kategorie IV „außergewöhnlich schwer für englische Muttersprachler“.[1] Für Deutschsprachige sieht die Rangfolge anders aus – Deutsch selbst steht ja in Kategorie II.
Was macht eine Sprache schwer?
Kurz gesagt: der Abstand. Je mehr sich eine neue Sprache von den Sprachen unterscheidet, die du schon kannst, desto mehr musst du neu lernen. Forschende messen diesen Abstand auf mehreren Ebenen, und mehrere große Datensätze zeigen denselben Zusammenhang:
- Wortschatz und Grammatik: In einer Auswertung von Sprechprüfungen im Niederländischen – abgelegt von Erwachsenen mit vielen verschiedenen Mutter- und Zweitsprachen – erklärten die Abstände im Wortschatz und in der Formenbildung (Morphologie) zwischen der Muttersprache und dem Niederländischen 47,7 % der Unterschiede in den Ergebnissen im Sprechen.[2]
- Wortschatz, Formen und Laute: In den durchschnittlichen TOEFL-Ergebnissen von über 15 Millionen Englischlernenden aus 127 Ländern mit 65 Muttersprachen ging ein größerer sprachlicher Abstand durchweg mit niedrigeren Ergebnissen einher.[3]
- Aussprache: Bei Zugewanderten in den USA und in Deutschland hing ein Abstand, der über den Vergleich der Aussprache von Wortlisten gemessen wurde, mit schlechteren selbst eingeschätzten Sprachkenntnissen zusammen – vor allem am Anfang.[4]
Dazu kommt die Schrift. Auffällig ist, dass alle Sprachen der FSI-Kategorie IV nicht in lateinischer Schrift geschrieben werden.[1] Wer Arabisch, Chinesisch, Japanisch oder Koreanisch lernt, lernt also nicht nur neue Wörter und Regeln, sondern auch neu lesen und schreiben. Wie das bei Arabisch konkret aussieht, steht im Artikel Arabisch lernen: Wie schwer ist es wirklich?
Und für Deutschsprachige?
Eine Liste wie die des FSI für deutsche Muttersprachler gibt es nicht. Die Forschung zum sprachlichen Abstand zeigt aber, worauf es ankommt: auf die Nähe zu den Sprachen, die du schon kannst. Niederländisch ist mit dem Deutschen eng verwandt; dass Deutschsprachige hier vieles wiedererkennen, ist kein Zufall.
Und es zählt nicht nur die Muttersprache. In der niederländischen Studie machten auch die Zweitsprachen der Lernenden einen Unterschied: Die Abstände zwischen ihrer Zweitsprache und dem Niederländischen erklärten bei mehrsprachigen Lernenden 32,4 % der Unterschiede im Sprechen.[2] Wer also schon gut Englisch kann, bringt für weitere Sprachen mehr mit als nur die eigene Muttersprache.
Schwer heißt nicht unerreichbar
Ein großer Abstand macht den Anfang härter. Was danach passiert, ist weniger eindeutig. In der Studie mit Zugewanderten in Deutschland holten Menschen mit „ferneren“ Muttersprachen im Deutschen mit der Zeit auf; der anfängliche Nachteil wurde kleiner. In den US-Daten derselben Studie zeigte sich das Gegenteil, dort gingen die Wege eher auseinander.[4]
Auch das FSI betont, dass die tatsächliche Lernzeit schwankt – je nach Begabung, früherer Erfahrung mit Sprachen und Zeit im Unterricht.[1] Die 88 Wochen für Arabisch oder Japanisch sind also kein Urteil, sondern eine Planungsgröße: Es dauert länger, und das ist normal.
Welche Sprache solltest du lernen?
Die leichteste Sprache ist die, die du nicht nach drei Wochen wieder aufgibst. Die Daten sagen dir, womit du rechnen musst – nicht, was du lernen solltest. Wenn du für Familie, Glauben, Reisen oder Beruf eine bestimmte Sprache brauchst, ist der Abstand kein Grund dagegen, nur ein Grund für mehr Geduld.
Quellen
Die Zahlen in eckigen Klammern im Text verweisen auf diese Liste.
- U.S. Department of State, Foreign Service Institute. Foreign Language Training. state.gov (abgerufen am 22.10.2026)Erfahrungswerte der Sprachschule des US-Außenministeriums: Wochen bis zum Wert 3 (Sprechen + Hören) auf der ILR-Skala; 23 Std. Unterricht + 17 Std. Selbststudium pro Woche. Bei Kategorie IV passen die genannten 2.200 Stunden nicht genau zu 23 Std. × 88 Wochen – wir nennen deshalb die Wochen.
- Schepens JJ, Van der Slik FWP, van Hout RWNM (2016). L1 and L2 Distance Effects in Learning L3 Dutch. Language Learning 66(1), 224–256Ergebnisse von Sprechprüfungen im Niederländischen von Erwachsenen mit vielen verschiedenen Mutter- und Zweitsprachen; Beobachtungsstudie. Gelesen: Zusammenfassung.
- Van der Slik FWP, van Hout RWNM (2025). Linguistic distance effects on country TOEFL scores between 2005 and 2020 and the effect of morphological distance in particular. Second Language ResearchDurchschnittliche TOEFL-Ergebnisse von über 15 Millionen Lernenden aus 127 Ländern mit 65 Muttersprachen, 2005–2020; Länderebene, Beobachtungsstudie. Gelesen: Zusammenfassung.
- Isphording IE, Otten S (2014). Linguistic barriers in the destination language acquisition of immigrants. Journal of Economic Behavior & Organization 105, 30–50Zugewanderte in den USA (American Community Survey, 514.874 Beobachtungen) und Deutschland (Sozio-oekonomisches Panel, 5.803 Personenjahre); selbst eingeschätzte Sprachkenntnisse; Beobachtungsstudie. Gelesen: Manuskript (Volltext).
- Interagency Language Roundtable. ILR Skill Level Descriptions for Speaking. govtilr.orgOffizielle Beschreibung der Stufen der US-Behördenskala; Stufe 3 = „General Professional Proficiency“.
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